Stell dir vor, ich wäre ein Baum. Ein großer, prächtiger Baum, schon viele Jahrzehnte alt. Eine Esche zum Beispiel. Ich habe schon viel gesehen, viel erlebt. Meine Rinde trägt Spuren, von vielen verschiedenen Tieren, und von Menschen, die sich ihre Liebe unter meinem Blätterdach gestanden und sich ein Herz in meinen Stamm eingravierten. Ich habe viele schöne Sonnentag erlebt. Und es sind schon viele Stürme über meine Krone hinweggefegt. Bisher hatten all diese Stürme mir nichts anhaben können. Mal brach ein Ast hier ab, mal dort.

Nun allerdings bin ich in die Jahre gekommen. Und ich bin müde. Und stell dir vor, der letzte Sturm, der hat mich einfach umgeworfen. Man sagt, ich sei gestorben.

Und nun stell dir vor, wie mein alter lebloser Baumkörper Zuhause für viele Tiere und Pilze wurde. Und ich bin einfach nach Hause zurückgehkehrt. Dorthin, wo wir alle herkommen. War das ein Wiedersehen, sag ich dir! Ich durfte von meinem Leben als Baum berichten, während andere von ihrem Leben als Ziege oder Löwe oder Känguru erzählten.

Und ich konnte mich ausruhen. Wie schön. Nach so vielen Jahren als Baum, der zwar verglichen zu manch anderen ein relativ ruhiges Leben hatte, aber dennoch: Leben ist Leben.

Als ich mich dann ausgiebig und ausreichend ausgeruht hatte, kam die Frage auf, was ich als nächstes tun wollte. Als was wollte ich ins Leben, in die Welt zurückkehren? Viele, die diese Frage nicht beantworten können oder wollen, befragen das Glücksrad. Sie drehen das Rad, und da, wo der Zeiger stehen bleibt, bestimmt, als was sie als nächstes wiedergeboren werden. Spannend, aber manchmal auch enttäuschend. Andere nehmen an sogenannten Challenges teil. Der Gewinner kehrt bspw. als Mensch wieder, der Verlierer als Grashalm. Es wird jeweils vor diesen Turnieren festgelegt, welcher Platz welchen „Preis“ erhält, oder eben hat. 

Aber solche Wettbewerbe und Glücksspiele sind nichts für mich. 

Wieder andere haben einen ganz konkreten Wunsch und äußern diesen einfach. So einen Wunsch habe ich auch, allerdings mag ich ihn noch nicht äußern. Und weißt du warum? Weil ich Höhenangst habe. Ich möchte nämlich gern als Milan wiederkehren, traue mich aber nicht, weil Milane in so unglaublich hohen Höhen fliegen, manchmal. Was mich so fasziniert und gleichzeitig ängstigt. Daher habe ich überlegt, als nächstes vielleicht als Marienkäfer wiederzukommen, oder als Schmetterling. Da kann ich mich erstmal im Fliegen üben, in niedrigeren Höhen. Und wenn das gut klappt, dann werde ich das Mal darauf ein Milan.

Warum ich nicht als Mensch kommen mag? Das ist eine gute Frage. Eine sehr gute Frage. Das möchte ich. Aber erst, wenn ich alles andere war. Weißt du wieso?

Wenn wir wiedergeboren werden, als was auch immer, vergessen wir, dass wir schon auf der Welt waren. Jedes Mal fühlt sich an wie das erste Mal. Der Mensch jedoch besitzt die Fähigkeit sich zu erinnern. Allerdings muss er diese trainieren. Und nun stell dir vor, ich komme als Mensch auf die Welt, war aber vorher noch nichts anderes. Ich werde also die Fähigkeit besitzen, mich an meine Vorleben zu erinnern, diese vielleicht auch trainieren, so dass es mir eines Tages gelingt, aber es gibt nichts, an was ich mich erinnern könnte, weil ich ja noch nichts anderes war. Was wäre das für eine Enttäuschung! Und vielleicht beginne ich, an dieser menschlichen Fähigkeit des Sich-Erinnerns zu zweifeln und überzeuge andere Menschen, es nicht mehr zu versuchen, weil es eh zu nichts führt. 

Wäre das nicht traurig? 

Nein, das will ich nicht verantworten. Lieber will ich die Menschen davon überzeugen, wie wunderbar es ist, sich wie ein Milan hoch oben am Himmel zu fühlen, oder wie schön es ist, als Schmetterling von Blüte zu Blüte zu fliegen, wie gut Blattläuse schmecken und wie froh ich als Baum war, dass es Marienkäfer gibt, die die Blattläuse von meinen Blättern essen.

All das will ich berichten können, aus meiner Erinnerung, von meinem Erlebten. 

Dieser Verantwortung stelle ich mich gern.